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Schenken

BildWährend der Vorweihnachtszeit gerät alljährlich das große Geschenkekarussell in Fahrt. Elf Monate lang stand es still und wartete auf die nächste Inbetriebnahme. Jetzt, frisch geölt und einigermaßen flott gemacht, kann es wieder losgehen. Ein Glockenspiel erklingt, und das alte Ding setzt sich in Bewegung.
Wem schenkt man was in welchem Wert?

Hochoffzielle Kulturdatenträger natürlich wie Bücher, Kunstdrucke und CDs, oder Ausrüstungsgegenstände für das gesellschaftliche Leben wie Hüte und Seidentücher, Krawatten, Schals und Schmuck aller Art. Auch mit Flüssigkeiten für alle Anwendungen liegt man selten falsch. Heikel wird es bei den diversen elektronischen Apparaten, deren Nutzen sich auch beim zweiten Blick in die Gebrauchsanweisung nicht zwingend erschließt. Sportgeräte zur motorischen Abreaktion schließlich beinhalten den Hintergedanken, daß sich der Beschenkte doch mindestens ein Bein brechen möge, und gelten deshalb als taktlos.

Geschenke, das zeigt schon die Verpackung, dienen seit der Kindheit der Beschäftigungstherapie. Und da Eltern ihren Kindern alles nachmachen, hat sich daran wenig geändert. Überraschungen sind dabei so selten wie Schnee am Heiligen Abend. Deswegen sind Geschenke meistens stinklangweilig und längst zu abstrakten Versöhnungs- und Beschwichtigungsversuchen herabgesunken, ohne die man sich gar nicht mehr wahrgenommen wüßte vom Rest der Welt. Daß es dafür erst Weihnachten braucht, deprimiert doppelt.

Viel sympathischer sind Geschenke außer der Reihe und in großem Stil. Dafür muß man aber in der Geschichte weit zurückgehen, denn im 20. Jahrhundert ist es endgültig vorbei mit großzügigen Gaben. Zuletzt erhielt Henry Adams etwas Vergleichbares, der arme Amerikaner aus Mark Twain s Erzählung „Die Eine-Million-Pfund-Note“ . Damit ließ sich im Jahre 1893 auf Umwegen noch das Glück machen. Aber Mark Twain selber glaubte sieben Jahre später nicht mehr daran. Sein „Mann, der Hadleyburg korrumpierte“ richtet mit Bestechungsgeschenken eine ganze Stadt zugrunde.

Von Bestechung, diesem unschönen Wort, kann man im Mittelalter noch nicht sprechen. Hohe Politik wurde damals zumindest dem Namen nach mit Geschenken gemacht. Bestes Beispiel sind die Karolinger, die noch die Spendierhosen anhatten: Sie statteten ihre Gefolgsleute solange mit Land aus, bis alles futsch war und das Reich unterging. Berühmte Nutznießer aus dieser Zeit sind die Päpste, die durch die Pippinsche Schenkung zum Kirchenstaat kamen. Undankbar wie sie waren, beriefen sie sich bei dieser Gelegenheit auf die Konstantinische Schenkung , die zwar so ähnlich klang wie die Pippinsche, aber frei erfunden war nach dem Motto: Nett von euch Franken, uns den Kirchenstaat zu schenken, aber er gehört uns eh schon seit ein paar hundert Jahren. Mehrfach mußte die Urkunde der „Donatio Constantini “ als Fälschung entlarvt werden, bis die Kirche vor hundert Jahren ihren kleinen Irrtum zugab.

Wer mit Päpsten Umgang hat, schenkt gerne. Innozenz III. war ein besonders rühriger Inhaber des heiligen Stuhls und mußte überall in Europa seine Finger drinhaben. Um seinen Bannspruch zu heben und eine drohende Invasion zu vermeiden, schenkte John Ohneland dem Papst einfach ganz England - zumindest auf dem Papier bzw. Pergament - und machte Innozenz zu seinem Lehnsherrn. Die englischen Barone ließen sich davon nicht beeindrucken. Für die Verbriefung ihrer Rechte erzwangen sie vom glücklosen John die Magna Charta: Wer zu verschwenderisch schenkt, macht sich verdächtig und zahlt am Ende drauf.

Ob Heinrich der Löwe seine Entmachtung schon hinter sich hatte, als er der Kirche das heute wohl kostbarste Geschenk in der Geschichte machte, ist fraglich. Jedenfalls widmete er dem Braunschweiger Dom sein berühmtes Evangeliar , im Jahre 1173 oder 1188, darüber ist man sich nicht einig. Das Widmungsbild des „goldglänzenden Buches“ stellt ihn so dar, wie er sich gern gesehen hätte: als Kaiser, und nicht als geächteter Herzog. Dem eigenen Ruhme diente dieses Geschenk, das der Nachwelt teuer zu stehen kam: Das Evangeliar mußte vom Auktionshaus Sotheby’s für 32 Millionen Mark zurückgekauft werden.

Geschenke sind eben eine zweischneidige Angelegenheit und richten sich oft gegen die Beschenkten. Das bekamen schon die Trojaner zu spüren. Seit Laokoons berühmter Warnung „Was das auch ist, ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen“ sind hölzerne Pferde unbeliebt, es sei denn, die Kinder können darauf schaukeln. Auch bei Hemden ist Vorsicht geboten. Untreuen Ehemännern ergeht es wie Herakles, der von seiner Frau Deianeira das Nessoshemd verehrt bekam. Was als Liebeszauber gedacht war, um die Gunst des Halbgotts zurückzuerlangen, erwies sich als späte Rache eines Zentauren. Das Ende ist, wie in der Antike üblich, ziemlich drastisch: Herakles riß sich das vergiftete Gewand mit der Haut vom Leibe, und Deianeira erhängte sich.

Der Klassiker unter den Geschenken ist freilich nicht das griechische Umhängetuch, sondern der Ring. Allerdings sollte man sich vorher informieren, ob Flüche darauf liegen. „Wer ihn hat, den sehre die Sorge. Wer ihn nicht hat, den nage der Neid“. So verfügte es Alberich, als die Götter ihm das schmucke Stück geraubt hatten. Bekanntermaßen richtet der Ring des Nibelungen tatsächlich jede Menge Schaden an. Nur als Siegfried ihn Brunhilde schenkte, verlor er zeitweise seine unheilstiftende Macht. Schenken macht froh, könnte man in diesem Fall sagen und ergänzen, daß die Moral von der Geschicht’ typisch für Richard Wagners 19. Jahrhundert war. Damals begann die uneigennützige Gabe, an die keine Erwartungen geknüpft sind, als Zeichen von Geistesschwäche zu gelten. Denn das einzige Geschenk, das der Merkantilismus kennt, ist die steuerlich absetzbare Spende.

Hans im Glück sah das schon voraus. Zunächst beugte er sich noch der vorindustriellen Tauschwirtschaft, wie sie auch nach Weihnachten wieder einsetzen wird. Doch nachdem ihm alles abhanden gekommen ist, was er sich für seinen Klumpen Gold aufschwatzen ließ, ruft er aus: „So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“


© Thomas Kastura